Wie viel Wissenschaft passt in weniger als drei Minuten?

27. November 2018

Die Bewegtbildredaktion von KOMPAKTMEDIEN steht immer wieder vor der Herausforderung, komplexe wissenschaftliche Projekte auf zwei bis dreiminütige Videos zurechtzustutzen. Warum man dabei Mut zur Lücke braucht und wie ein Fachpublikum trotzdem auf seine Kosten kommt, davon handelt dieser Erfahrungsbericht.

Von Annette Stetzer

Wissenschaftliche und Forschungsprojekte so zu präsentieren, dass auch der Laie versteht, worum es geht, gehört in der Bewegtbild-Redaktion von KOMPAKTMEDIEN zum täglichen Geschäft. Ob Porträts zu digitalen Forschungsprojekten des BMBF oder eine Serie zum Kulturerbejahr 2018   – das Basisrezept ist meistens das gleiche: nicht länger als drei Minuten, kein Fachchinesisch, und ohne Sprecher sollen die Beiträge auch auskommen.

Vertauschte Rollen und andere Besonderheiten

Für mich als Redakteurin bedeutet das zunächst, dass ich einen Teil meiner Aufgabe – nämlich Geschichten zu erzählen, Worte zu finden, Botschaften zu vermitteln – an die Interviewten abgebe, denn in dem fertigen Beitrag sind ausschließlich sie zu hören. Anders als bei einem „gebauten“ Beitrag, der aus einem redaktionellen Off-Sprechertext und den O-Tönen besteht, hängt die Qualität bei einem von den Interviewpartnern und -partnerinnen getragenen Film wesentlich davon ab, was die Fachexpertinnen und Experten sagen, wie sie es sagen und wie ich es in der Nachbearbeitung bzw. im Schnitt zusammenfüge.

Medienerfahrene Interviewpartnerinnen und -partner erleichtern meine Arbeit, da sie bereits im Vorfeld wissen, worauf sie sich bei der Zusage für einen zwei- bis dreiminütigen Beitrag eingelassen haben. Sie  können pointiert formulieren und besitzen den Mut zur Lücke. Andere lösen sich schrittweise von Details oder Nebenschauplätzen, die in einer Reportage Platz finden würden, aber in einem kurzen Beitrag nichts zu suchen haben. Mit ihnen nähere ich mich im Gespräch den geeigneten Aussagen an.

In 17 Sätzen auf den Punkt

Weniger als drei Minuten Sprechzeit: In die geschriebene Sprache übersetzt bedeutet das etwa 2.500 Zeichen oder 340 Wörter. Daraus ergeben sich  –  bei rund 20 Wörtern pro Satz – insgesamt 17 Sätze. In die muss alles rein. Ohne die Bitte „Können Sie das noch mal in zwei bis drei Sätzen sagen“ ist bei meinen Drehs noch keine(r) davongekommen. Das ist normal. Für Forscherinnen und Forscher, deren Arbeit zu einem großen Teil auf Gründlichkeit und Details basiert, bedeutet das, einmal keine wissenschaftlichen Maßstäbe anzulegen, ohne dabei das Gesicht zu verlieren. Die Kür besteht darin, die Balance zu halten zwischen fachlichem Anspruch und zielgruppen- bzw. zeitbedingten Vereinfachungen. Forscherinnen und Forscher sind dazu aufgefordert, sich in das Laien-Publikum hineinzuversetzen: Eine bildhafte Sprache oder Metaphern sind eine Möglichkeit, um eine Brücke zu schlagen und komplexe Sachverhalte leichter nachvollziehbar zu machen.

 

Ein Dilemma, das nicht wirklich lösbar ist, besteht darin, dass Forschung im Grunde nie beendet ist. Den prozesshaften Charakter von Forschung und Wissenschaft gilt es aber zugunsten von klaren Aussagen auszublenden. Wie immer man es dreht und wendet: Mehr als eine Kostprobe von ihrem Projekt können Forscherinnen und Forscher nicht geben. Aber eben auch nicht weniger.

Ohne Worte erzählen

Neben Informationen transportieren die Beiträge nämlich auch emotionale Inhalte. So ist das in die Kamera Erzählte stets durch den persönlichen Ausdruck der Interviewten und durch die Aufnahmen des Labors, des Büros, der Sammlung oder der Bibliothek angereichert. Das macht die Aussagen greifbarer und erleichtert das Verständnis.

Indem Forscherinnen und Forscher von ihren Projekten berichten, verraten sie gleichzeitig ganz viel über sich selbst. Ihre Begeisterung für Wissenschaft und Forschung, die eigene Affinität zum Forschen, die Ernsthaftigkeit, sich komplexer Themen anzunehmen oder auch die Neugierde und Freude am stetigen Forschen blitzen in den Interviews immer wieder auf. Laien erhalten durch die Beiträge nicht nur Einblick in wissenschaftliche Forschungsfelder, sie bekommen außerdem die Möglichkeit, den Menschen dahinter zu begegnen. Das mag abgedroschen klingen, aber genau das zeichnet das bewegte Bild aus.

Annette Stetzer  ist für KOMPAKTMEDIEN als Redakteurin unterwegs. Sie liebt die Abstecher in Wissenschaft und Forschung und findet, es müsste mehr Formate geben, die den Bogen von der breiten Öffentlichkeit in die Forschung und zurück schlagen.